Home Rundbrief alte Ausgaben Jahrgang 2009 Der Dokumentarfilm Wilde(r)mann
Der Dokumentarfilm Wilde(r)mann PDF Drucken E-Mail

wurde über ein Jahr lang im Nordharz gedreht

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Was mich dort (im engen Harztal in Wildemann) immer am meisten faszinierte, ist das Gefühl, in eine Parallelwelt zu kommen, in eine Welt, die man eher in der Schweiz oder Österreich vermuten würde, eine Welt, in der die Uhren anders gehen und in der man auf besondere Leute trifft. Alles scheint wie aus der Zeit gefallen dort, Landschaft, Leute, Tiere. Der Ort Wildemann hat den Charme einer bereits vergangenen Welt.

Dieser Eindruck entsteht durch Leute wie Bauer Beuse, den Hauptprotagonisten des Films, und seinen Hirten Helmut, und all die Leute, die sich auf Beuses Hof versammeln, angezogen von seiner Aura. Beuse und seine Freunde versuchen, althergebrachtes Harzer Kulturgut, Jodeln, sowohl die Alten vom aussterben bedrohten Tierrassen als auch Lieder, Trachten, Rituale in eine Welt hinüberzuretten, die längst bestimmt ist von schnelllebigeren Dingen, solchen, an denen unser Wirtschaftssystem grade droht zugrundezugehen.

Von daher ist der Film Wilde(r)mann merkwürdig aktuell.
Für Bauer Beuse brauchte es keine globale Krise diesen Ausmasses, wie wir sie heute haben, um zu erkennen, dass etwas falsch läuft. Beuses Verdienst ist, immer wieder auf Misstände hinzuweisen, und auf seine eigensinnige Art gegenzusteuern.
Mit ein Thema waren Blicke. Wer betrachtet was und wie, vor und hinter der Kamera, Mensch und Tier. Ausgelöst wurde diese Idee durch Blicke des Hirten Helmut - wie ruhig er zurückschaut, und wie arglos, ein Blick, für den das Wort betrachten der ein Schauen ist, ohne sich irgend etwas zu fragen, schauen und nichts weiter - und der uns mitnimmt in einen Kreislauf von Fühlen-Schauen-Fühlen, einem verwunderten davorstehen, das bedächtige empfangen der Welt mit den Augen, ein Blick, der nichts nimmt, sondern empfängt.
An diese Prämisse, nicht raubritterhaft irgendwo einzufallen und sich als Mediengeier etwas zu nehmen, Sätze, Ansichten, Gesichter, daran versuchten wir uns zu halten. Auch an den langsameren Rhythmus dort.
Für mich als Dokumentarfilmemacherin war es ein Geschenk, in Wildemann dem Hof ›Klein Tirol‹ immer wieder Kamera aufstellen zu können, ja eigentlich brauchte man nur zu allen 4 Jahreszeiten zu kommen und die Kamera hinzustellen, und genau hinzusehen, es passierte immer irgendetwas, von alltäglich bis verrückt, aussergewöhnlich und poetisch.
Der Film fragt nichts ab, sondern beobachtet. Während der eineinhalbjährigen Drehzeit wurden wir auch Zeugen für den schleichenden Entvölkerungs-Prozess in dem Harztal in Wildemann stattfindet, Wildemann ist ›ein sterbender Ort‹. Und Beuse tut, was er kann, um etwas und damit sich selbst und seine Lebensform retten, weil, wie Beuse sagt: ›Die Hoffnung stirbt zuletzt‹.

Roswitha Ziegler

Wilde(r)mann, Dokumentarfilm
92 Minuten, Digi-BETA, ARTE/ZDF 2009, (Ausstrahlung 2010 vorgesehen)
Regie: Roswitha Ziegler; Kamera: Roswitha Ziegler, Gerhard Ziegler, Michel Unger Musik: Bobbi Fischer; Schnitt: Roswitha Ziegler, Gehard Ziegler, Christian Krämer; Ton: Maik Freudenberg, Rosa Ziegler, Katharina Pethke
Förderung: nordmedia Fonds GmbH

 

 

Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 09. Februar 2010 um 11:38 Uhr