Home Rundbrief alte Ausgaben Jahrgang 2009 Erster deutsch-kamerunischer Koproduktionsworkshop
Erster deutsch-kamerunischer Koproduktionsworkshop PDF Drucken E-Mail

für Dokumentarfilm in Yaoundé/Kamerun

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Zwölf deutsche und siebzehn kamerunische Dokumentarfilmprojekte in unterschiedlichen Entwicklungsstadien wurden Anfang Juni 2009 in Yaoundé vorgestellt. Dazu trafen sich deutsche und kamerunische Produzentinnen und Produzenten am 3. und 4. Juni 2009 im dortigen Goethe Institut. Eingeladen hatten die AG DOK, das Goethe Institut Kamerun, German Films und das Ecrans Noirs Film Festival.
Das thematische Spektrum reichte auf deutscher Seite u.a. von den Nazi-Plänen einer deutschen Großkolonie Zentralafrika über regionale landwirtschaftliche Produktionsformen im Zeitalter der Globalisierung, die Bewahrung des Regenwaldes, den Konkurrenzkampf der Kirchen um die Gläubigen, die Zeitgemäßheit von Entwicklungshilfe bis zum Portrait des einzigen Symphonieorchester Zentralafrikas. Afrikanische Themen waren zum Beispiel die Giftmüllexporte aus aller Welt nach Afrika, Konfliktlösungsstrategien, lokale kulturelle Riten, soziale Themen, aber auch die Liebe zum Kino.

›It’s you who is living the experience‹kamerun03 betonte einleitend für das kamerunische Kulturministerium der Leiter der Filmabteilung Johnson Wang Sone und forderte die Produzenten auf, ihre Probleme, die sie mit den Entscheidungskriterien des Ministeriums hätten, vor allem bei langer Entscheidungsdauer, ihm intensiver darzulegen. Als wichtige Punkte sprach er die Notwendigkeit eines nationalen Filmarchivs ebenso an wie den Aufbau einer Datenbank mit allen relevanten Informationen zur Kinoindustrie. Ziel sei die Definition von Strategien für den cinematographischen Sektor. Insgesamt stünde für kulturelle Projekte eine Billion CFA-Francs (ca. 1,6 Mio €) zur Verfügung, den Anteil, den das Kino daran hat, erwähnte er allerdings nicht explizit.
Für die ›Association des Producteurs independants du Cameroun‹ (APIC) betonte Lambert Ndzana einige Aspekte der aktuellen Situation der Dokumentarfilmproduktion in Kamerun. Die legalen und offiziellen Strukturen böten eine gute Grundlage für Produktionen. Viele Produzenten hätten allerdings eine eher lokale Kompetenz, nicht unbedingt eine internationale. Für vertragliche Produktionsvereinbarungen sehen einige keine Notwendigkeit, so dass diese eher vernachlässigt würden. Man würde oft ›auf Zuruf‹ arbeiten. Wenn man für das kamerunische ›öffentlich-rechtliche‹ Fernsehen CRTV arbeite, stünde kaum Zeit für Recherche und Entwicklung zur Verfügung: es gebe keine richtige Partnerschaft zwischen Produzenten und Fernsehen.
In ihrer kurzen Einführung zum nationalen Fernsehen betonte Margaret Fombe Fube von CRTV, dass sehr wenig Equipment, wenig Fahrzeuge und Computer und ›very little financing resources‹ zur Verfügung ständen. Die Teilnehmer des Forums konnten dies am folgenden Tag persönlich in einer Führung durch die TV-Zentrale nachvollziehen.

29 Dokumentarfilmprojekte
Die deutschen Projekte beschäftigen sich alle mit afrikanischen Themen, mit Schwerpunkt oder zumindest einem thematischen Teilaspekt in Kamerun. Die kamerunischen Projekte thematisieren kamerunische Sujets, sind oftmals ethnologisch oder anthropologisch interessant. Spannend wäre es gewesen, wenn es afrikanische Projekte zu deutschen Themen gegeben hätte, was zumindest aufgrund der Vergangenheit Kameruns als ehemalige deutsche Kolonie nicht so weit dahergeholt gewesen wäre.
Bei den kamerunischen Präsentationen stehen oft inhaltliche Erläuterungen zum Sujet des Projektes im Vordergrund. Um was für ein Ritual, was für eine Zeremonie, was für Kunstwerke geht es? Um was für eine soziale Fragestellung? Es fehlt oft die oder eine erste Idee der Umsetzung. Dazu bedurfte es der gezielten Nachfragen der Produzentin Bärbel Mauch, die den gesamten Workshop überzeugend moderierte. Zu selten bestehen präzise Vorstellungen über die Art und Weise wie die Geschichte erzählt werden soll.

Everything is born from migrationkamerun04
Parallel zum Workshop liefen im Programm des Ecrans Noirs Festivals zwei deutsche Filme: Hotel Sahara von Bettina Haasen und Roots Germania von Mo Asumang.
›Ich habe selten eine so interessante und qualitative Diskussion über den Film gehabt‹, so Bettina Haasen nach der ersten Vorführung ihres Films, die u.a. durch einen intensiven Austausch über die Kameraarbeit bei Hotel Sahara geprägt war.
Nach Roots Germania wurde in erster Linie über den Mut diskutiert, mit dem Mo Asumang als ihre eigene Protagonistin bei Begegnungen mit deutschen Neonazis vorgegangen sei. Prince Kum'a Ndumbe sprach von der Angst als Farbige/r in die Neonazi-Szene reinzugehen; er hätte das - als seit langem auch in Deutschland lebender Kameruner - niemals machen können. Anderseits animierte Roots Germania eine kamerunische Forumsteilnehmerin, ein ähnliches Projekt anzugehen.

Resumee
In der Schlussrunde wurde konstatiert, dass der Workshop eine gute Gelegenheit bot, sich zu präsentieren und Partner zu finden. Die Vorstellungen der anderen Kolleginnen und Kollegen mitzubekommen, sei ein Gewinn. Wenn ein oder zwei Filme entstehen aus den hier vorgestellten Projekten, dann sei das Ziel erreicht. Viel Potential käme hier zum Tragen.
Für die kamerunischen Produzenten war der Workshop ein bedeutender Anlass, sich untereinander zu treffen und die Gelegenheit zu nutzen, um die Produzentenvereinigung APIC mit einer neuen Satzung zu versehen.
In diesem Kontext ist bemerkenswert, dass es wenig Kooperationen (und Kenntnis voneinander) zwischen der anglophonen und der frankophonen Filmszene in Kamerun gibt, ein Aspekt, der auf eventuell folgenden Veranstaltungen berücksichtigt werden sollte.
Für die deutschen Teilnehmer bot sich die Chance, konkrete Vorstellungen von kamerunischen Projekten zu bekommen und mit ihren Produzenten in Kontakt zu treten. ›I am impressed by the level of professionalism‹, so Christoph Brandl. Viele Gespräche untereinander brachten bereits in den Workshoptagen die Projekte voran, so auch in den one-to-one-Meetings, denen zahlreiche weitere Verabredungen in den nächsten Tagen folgten.
Nachdenken muss man über die inhaltliche Konzeption, sollte es eine Fortsetzung 2010 geben. Es waren, so die generelle Einschätzung der Teilnehmer, zu viele Projekte, die vorgestellt wurden.Deswegen stand wenig Zeit für Film(ausschnitt)-Präsentationen zur Verfügung, die die Kenntnis, die man voneinander gewinnen möchte, vervollständigen würde. Auch in den Präsentationen selbst konnte nicht immer genug Einblick in die geplante Umsetzung gewonnen werden, z. B. fehlten oft Trailer oder Ausschnitte aus vorangegangenen Arbeiten. Abschließend wurde auch über die Frage diskutiert, welchen Weg man als Produzent gehen will. Muss man das machen, was der Finanzier will, oder sollte man nicht vielmehr einen eigenen Weg gehen, und z.B. den Regisseur mit seiner Vision der Dinge unterstützen? Auch sollte nicht die Frage im Vordergrund stehen, was verkauft sich z.B. gut in Deutschland, sondern wie findet man den Weg zum Publikum und welche Wege der Distribution gibt es dorthin. Sicherlich Fragen, die bei einer möglichen Fortführung der Kooperationen im kommenden Jahr im Vordergrund stehen.

Deutsch-kamerunisches Koproduktionsabkommen?
Die Frage bleibt offen, ob ein deutschkamerunisches Koproduktionsabkommen - wie von einigen Teilnehmern mehrfach in die Diskussion eingebracht - hilfreich ist für eine weitere Zusammenarbeit. Aus dem Publikum war zu hören, Kamerun sei seit 50 Jahren unabhängig, und es sind in dieser Zeit einige deutsch-kamerunische oder deutsche Filme, die in Kamerun durch deutsche Produzenten realisiert worden sind, entstanden, ohne dass es ein Abkommen gab.
Maitre Mba wiederum wies in seinem abschließenden Vortrag über gesetzliche Grundlagen audiovisueller Produktionen in Kamerun darauf hin, dass Koproduktionen grundsätzlich möglich sind, es gebe also eine rechtliche Grundlage, die gültig ist. Das Kulturministerium, das an beiden Tagen anwesend war, zeigte sich jedenfalls sehr daran interessiert, weitergehende Schritte in Richtung Koproduktionsabkommen zu prüfen.

Jörg Witte

 

Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 09. Februar 2010 um 11:34 Uhr