| Vom Unterwegssein - Filmklasse der HBK Braunschweig beim Filmfest 2010 |
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![]() Lonely Red Ballon von Irine Stephanie
Wieder, wie schon in den vergangenen Jahren, zeigten die beim 24. Internationalen Filmfest Braunschweig vorgestellten zwölf Arbeiten der Filmklasse der HBK Braunschweig, wie unterschiedlich und facettenreich die Ansätze und Temperamente der Autoren und ihrer Filme sind – Beweis dafür, dass in der von Prof. Michael Brynntrup geleiteten Klasse die Talente nach eigenen Vorlieben und Vorstellungen sich entfalten können. Natürlich handelt es sich um erste oder zweite Arbeiten von Schülern einer Kunstakademie, man wird noch keine allzu komplexen Werke erwarten wollen. Umso erstaunlicher, wie gut in der Regel dennoch (oder vielleicht deshalb) Ambition und Verwirklichung zusammenfinden. Auch in diesem Jahr war also das Programm wieder sehr ansehnlich und im Vergleich mit anderen Kurzfilmen, wie es sie auf dem Braunschweiger Filmfest an anderen Orten ja auch zuhauf zu sehen gab, erweist sich, dass es den HBKlern nicht so sehr um schlank oder skurril Erzähltes, um Pointe und Effekt zu tun ist, sondern der ganz persönliche Ausdruck Vorrang hat. Die Darbietung begann mit einer Paraphrase eines Märchens von Hans Christian Andersen: The Red Shoes von Mira Breuer (Foto) (6,5 Min.). Erfreulich, dass nicht versucht wurde, sich an den berühmten Film von Powel / Pressburger anzulehnen. Getanzt wird hier nicht, jedenfalls tanzt hier kein Mensch. Wenn hier was tanzt, so das leuchtend rote Band, das sich durch ein Stück Natur windet hin zu einer Frau, die auf dem Waldboden liegt, umschlungen von diesem roten Band, und es sind die roten Schuhe, in die sich das Band verwirrt, diese roten Schuhe, die (außer der Kamera) für einen Moment wie selbständig zu tanzen beginnen. Meines Erachtens hätte es der geheimnisvoll flüsternden Stimme nicht gebraucht, Bild und elektronischer Klang reichen aus, um eine intime Stimmung zu erzeugen und Assoziationen freizusetzen. Die Reise ins Innere Schlafwandler von Joachim Ruhe (8,5 Min.) beruft sich auf eine konkrete Situation und einen klar umrissenen Ort (den Schlaf, das Zuhause). Doch was mit einem Blick aus dem Fenster beginnt, auf im Wind bewegte Äste im Nebel, wird zunehmend irrealer, mündet in helle und dunkle Lichtreflexe, unterbrochen immer mal wieder von einem kurz im Bild erscheinenden grobkörnig aufgenommenen Gesicht eines Mannes, kehrt zurück zu überdeutlich erkennbaren Gegenständen, Stühlen zum Beispiel, gleitet wieder hinüber ins Ortlose. Auf diese Weise wird der Film zum Ort eines traum- oder trancegeprägten Bewusstseins, dessen verschiedene Stadien durch verschiedene Bildrhythmen, aber auch durch den Ton unterstrichen und gegliedert werden.Warten, dass die Zeit vergeht von Rani Ravenina und Nina Martin (11 Min.) ist ein Dokumentarfilm aufgenommen in Den Haag und stellt indonesische Migranten wie auch eine (illegal eingewanderte) Migrantin vor. Was diese Arbeit von üblichen Dokumentationen unterscheidet, ist, um es mal so auszudrücken, das Ausschnitthafte, Punktuelle sowohl des Bildes wie des Geäußerten. Dazwischen eingeblendet: verschiedene Stadtansichten. Dieses spotlightartige Beleuchten einer Situation, die Konzentration auf wenige, aber signifikante Details in Bild und Ton machen die Eindringlichkeit dieser Arbeit aus. Es ist Nacht und es regnet. Trübe Lampen spiegeln sich im Asphalt vor dem Bundeskanzleramt (das ich zu erkennen glaube). Niemand unterwegs. Da tritt ein Mann mit Gitarre vor, stellt sich vor das Gebäude und fängt an zu singen: Das Bundesständchen von Francisco Montoya (6 Min.). Es ist ein unglaublich schmalziges Ständchen, das er dort (der Bundeskanzlerin?) bringt. Ab und zu übertönen im Off vorbeirauschende Autos das Lied. Die Farbe Rot dominiert wie im ersten so auch in diesem Beitrag: Rot ist der Luftballon, rot ist auch das Fahrrad, auf dem die Autorin als Protagonistin zu sehen ist. Ein Hauch von Frühling und Unbeschwertheit durchweht das Video, eine Blumenübersäte Wiese und das frische Grün eines Parks, dazu fröhliches Gitarrengeklimper: Lonely Red Ballon von Irine Stephanie (3 Min.) Zwei Ebenen sind übereinander geschoben: ein ständig wechselnder Bildhintergrund und davor etwa in Postkartengröße, wie von Handspiegeln reflektiert eine Vielzahl von unspektakulären beschwingten Aktionen – die Protagonistin auf dem Rad, mit dem Luftballon tänzelnd zwischen Bäumen, auch durchaus mal in Schwarzweiß – offenbar ist da jemand mit sich zufrieden, sich selbst gewiss, in sich selbst verliebt. Happy Birthday steht auf einem Luftballon, der an einer Kordel zur Zimmerdecke hochschwebt. Aber im Gegensatz zum vorhergehenden Beitrag ist in Solitude von Erik Pauhrizi, 6 Min., nichts von Fröhlichkeit und Selbstgewissheit. Es geht aber auch hier um Selbstversicherung, eher aber im Sinne von Selbstskepsis, Selbstungewissheit. Ein nerviger Ton ist unterlegt und durchgehend sind die Aufnahmen schwarzweiß, dazu negativ, was dem Ganzen etwas Gespenstisches verleiht, zuweilen auch wirkt wie Röntgenaufnahmen. Die Bilder wiederholen sich: ein Mann liegt im Bett, er räkelt sich oder er schläft (?). Oder er steht im Flur neben einem Garderobenständer, einen Laptop in der Hand. Immer wieder auch der leicht schwankende Luftballon. Auf weite Strecken ist die Leinwand zweigeteilt, befinden sich horizontal zwei Bilder gleichzeitig auf derselben. Fremde Welt Eine Zweiteilung im Nacheinander – ist es üblich, es so zu nennen? In diesem Falle bietet es sich an: Sidewalk Stories von Rizki Resa (9 Min.) besteht jedenfalls aus zwei sehr unterschiedlichen Teilen. Im ersten erzählt eine Stimme aus dem Off in einer wohl indonesischen Sprache von der Ankunft in München, den Erfahrungen dort, der ganz anderen Kultur und er geht spazieren und spazieren und erwandert sich so das Neue. Der Film bleibt schwarz bis auf die englische Übersetzung des Gesprochenen, die als Schrift erscheint. Der zweite Teil ist stumm. Er zeigt Fotografien von Gegenständen, die der Erzähler auf seinen Spaziergängen gefunden hat: alltägliche Dinge wie die Drahtverschlüsse von Sektflaschen, Deckel von Bierflaschen, Babyschnuller, auch mal eine Sonnenbrille, das ein oder andere Geldstück. Die Gegenstände sind auf weißem Grund genau in die Bildmitte platziert und unten penibel beschriftet: wann wo gefunden, sogar mit Nennung der Straße in München oder Oslo, Freiburg oder Braunschweig. Wie andere Arbeiten dieses Programm legt auch diese eine Deutung nur nahe, ohne sie einem explizit aufzudrängen. Impressionen von einer Chinareise in China Assoziationen von Jochen Isensee (10 Min.). Wie wird man in so kurzer Zeit einem Land gerecht, einigermaßen wenigstens, das so beeindruckend groß und vielseitig ist? Isensee versucht es mit einer Vielzahl von Bild- und Toneindrücken, einem Zugleich gewissermaßen all des Disparaten, das sich en passant einfangen lässt, wobei er weitgehend auf die touristischen Gemeinplätze verzichtet, sich eher abseits aufhält. Bei aller scheinbaren Zufälligkeit des Nebeneinanders der Eindrücke lässt sich dennoch so etwas wie Struktur erahnen. A Myth that does not exist von Jie Jie Ng (5 Min.): Bestimmend eine Raga nahe Musik, die den Film quasi einhüllt. Auf der visuellen Ebene zunächst Schrift auf Schwarzfilm, ähnlich einem einführenden Kommentar (da möchte jemand an die Existenz des Mythos glauben, speziell an Davids Sieg über Goliath), gefolgt von Bildern, die das beweisen oder auch nicht beweisen, was der Text verkündet hat. Doch sagen sie etwas aus, diese Bilder? Natürlich nicht. Sie stehen freilich für etwas. Dieses Etwas – ist es kostbar (wie die Perlen, die im Bild erscheinen) oder banal (wie die nackten Füße im Wasser oder wie sie da herunterbaumeln von einer Hochsitzleiter)? Der Film gibt keine Antwort. Apodiktisch wie eine Conclusio allerdings am Ende der Satz: Es existiert kein Mythos. ![]() Der fahrende Zug. Im fahrenden Zug. Aus fahrendem Zug heraus. Alles immer in Bewegung – Urthema aller Filme. Auch von Endstation - End of the Line von Enrico Viets (6,5 Min.). Viermal wird das Zugfahren variiert. Als Dokumentaraufnahme eines leeren Waggons während der Fahrt, vermutlich eines RE. Dazu eine Stimme aus dem Off, nachdenkend, philosophisch. Was hängen bleibt: Die Erzählung von der Fleischvergiftung, die Fahrt, die fast eine Fahrt in den Tod gewesen wäre. Als nächstes ist die Leinwand horizontal zweigeteilt, genau in der Mitte, und die Fahrt seitwärts, später frontal, scheint von der Mitte aus nach beiden Seiten abzufließen, vergleichbar diesen Rorschachbildern, wenn sie in Bewegung gerieten. Als Drittes: Die Leinwand ist in schier unendlich viele kleine Bilder aufgeteilt, die ein, zwei Motive ständig wiederholen. Man erkennt nicht mehr genau, was, sieht aber dennoch; auch das hat mit Zugfahren zu tun. Schließlich: ein Schienenstrang und die Kamera zwischen den Gleisen erwartet einen Zug, der dann über sie hinwegrollt, und sie schwenkt und schaut dem davonfahrenden nach. Ein dann doch tröstlicher Ausgang, denn ›das Ende ist manchmal doch nicht so nah wie man denkt‹, heißt es. Ein Genuss ist dieses Singen und Gitarrespielen eines Liedes nicht, aber dann doch wenigstens schnell vorbei: Beaverchristmas von Max Boss (2 Min.), eine Persiflage, was sonst. Dabei firmiert der Spieler und Sänger optisch gewissermaßen als Hintergrundfolie, und aus dem Nichts tauchen in rhythmischen Abständen kleine Rechtecke auf, die sich rasch vergrößern und nach vorne drängen und dann gitterartig die Leinwand füllen. Zu sehen sind dann bewegliche lebensgroße Figuren aus irgendwelchen Jahrmarktarrangements, die mit Weihnachten allerdings nichts zu tun haben, sondern der Seeräuberromantik frönen.
Irgendwo in Peking, ein Vergnügungsviertel vielleicht, abseits repräsentativer Bauten, wenig spektakulär, diese Straße. Es ist Nacht, die Leuchtreklame lockt, die Straßenlaternen glosen, es ist trotzdem schummerig, die Leute (und viele sind unterwegs, flanieren), gleichen eher Schatten. Interessiert schaut die Kamera in Mir geht’s gut von Jin Cai (6 Min.) dem Treiben zu, beobachtet aber in erster Linie einen jungen Mann, der die Menschen anspricht und sie auf eine neue Bar aufmerksam macht, in die sie doch bitte mal hineinschauen sollen. Viel los ist in der Bar nicht. Ein Mann spielt dort Gitarre und singt ins Mikro. Seine Schlager begleiten den Film und dessen Schwenks. Es ist, so will es scheinen, eine laue Abendstimmung, die allmählich in Nacht übergeht, die die Straße mit ihren trüben Lichtern, menschenleer nun, sich selbst überlässt. Willi Karow |
| Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 21. Dezember 2010 um 14:12 Uhr |




Schlafwandler von Joachim Ruhe (8,5 Min.) beruft sich auf eine konkrete Situation und einen klar umrissenen Ort (den Schlaf, das Zuhause). Doch was mit einem Blick aus dem Fenster beginnt, auf im Wind bewegte Äste im Nebel, wird zunehmend irrealer, mündet in helle und dunkle Lichtreflexe, unterbrochen immer mal wieder von einem kurz im Bild erscheinenden grobkörnig aufgenommenen Gesicht eines Mannes, kehrt zurück zu überdeutlich erkennbaren Gegenständen, Stühlen zum Beispiel, gleitet wieder hinüber ins Ortlose. Auf diese Weise wird der Film zum Ort eines traum- oder trancegeprägten Bewusstseins, dessen verschiedene Stadien durch verschiedene Bildrhythmen, aber auch durch den Ton unterstrichen und gegliedert werden.